Krawatte adé – Marke okay?

von | 06.06.2020 | Kommunikation, Digitalisierung, Kleidung

Corona hat auch das Bekleidungsverhalten nachhaltig verändert. Das Homeoffice scheint die Frage nach der richtigen Kleidung überflüssig zu machen. Steht uns nun die ewige Jogginghose bevor?
Zwischen Videokonferenz und Waschmaschine lässt sich aber einiges machen, um die eigene Marke glaubwürdig zu repräsentieren.

Foto: Shutterstock

Auf einmal ist der berufliche Auftritt irgendwie privat geworden – und das Private öffentlich. So jedenfalls darf man das ruhig sehen, wenn einem Chefs und Kollegen ins Wohn- oder Arbeitszimmer und in das Surf-Verhalten blicken können. (Um „Produktivitäts-Scores“ soll es hier allerdings nicht gehen.)

Und auch die oder der Vorgesetzte darf sich einmal Gedanken machen, wie sich das Markenimage auch im Online-Chat wirkungsvoll übertragen lässt. Denn was anfangs menschlich und sympathisch wirkt, kann auch schnell kippen, wenn die Haltung dahinter allzu lässig wird. Der Stil Ihres Auftritts darf auch online zur Marke passen, denn erst im Irgendwo zwischen Worten und Visualisierung wird (Kunden-) Vertrauen geboren.

Brennglas Bildausschnitt

Der enge Ausschnitt einer Kamera lenkt den Blick mehr denn je auf Details. Unpassende Farben nahe am Gesicht? Eine schlechte Körperhaltung? So etwas lässt sich nicht mehr überspielen, wenn der Blick auf diese Partien buchstäblich gezoomt wird und den Gesprächspartner ablenkt.

Die schlechte Botschaft ist dabei gleichzeitig auch eine gute: Bereits hier lässt sich der eigene Brand geschickt platzieren … es muss ja nicht das peinliche Markenlogo auf dem Hemden- oder Blusenkragen sein.

Der Pflegezustand von Frisur, Make-up und Textilien

Welche Qualität ist von jemandem zu erwarten, dessen Auftritt vermittelt, dass ihn Qualität nicht interessiert? Statt den Fokus in der Vorbereitung allein auf die Technik zu legen, ist ein Blick in den Spiegel eine ebenso gute Idee – nicht umsonst ist Make-up Foundation, welche einen ebenmäßigen Teint zaubert, zum Top-Artikel der Online-Parfümerien avanciert. Eine gleichmäßige Gesichtsfarbe nämlich lässt jünger wirken und ist definitiv cooler, wenn es im Gespräch einmal hitzig werden sollte. So können wir auch optisch das Gesicht wahren.

… und den Corona-Hippie-Look dürfen wir nun auch der Vergangenheit anvertrauen.

Der tückische Tod der Krawatte

Kommen wir zu unserer Titelkrawatte: Was soll dem Videopartner eigentlich im Gedächtnis bleiben, wenn die Konferenz beendet ist? In den Wirren der allgemeinen Casualisierung des textilen Zeitgeistes sind viele Männer analog im dunklen Anzug mit weißem Hemd unterwegs – und bieten nichts mehr, was den Blick des Betrachters verweilen lässt. Digital dann sichten wir nicht selten schlichte Shirts und schlaffe Hoodies.

Der Wegfall der Krawatte bedeutet für die Herrenwelt, dass sie sich umso mehr über die passende Kombination von Farben, Mustern und Strukturen nahe am Gesicht Gedanken machen sollte. Ohne sie braucht Mann umso mehr Style und Fingerspitzengefühl, um interessant zu wirken. Was oft übersehen wird: Krawatte vermittelt Kultur. Stoff, Dessin und die Art, wie sie gebunden wird erzählt eine Geschichte, die auch im engen Bildausschnitt noch gelesen wird – ist also eine Chance zur Positionierung.

Wer die Krawatte erleichtert abgelegt hat, darf sich stattdessen Gedanken um das sonstige Styling machen …

Und auch so manche Frau mag sich überlegen, ob sie statt wuchtiger Tücher aus Billigproduktion (die im Kamerawinkel halslos aussehen lassen) lieber dem Binder ihres Mannes ein zweites Leben geben will – zum Beispiel als lose-lässige gebundene Damenkrawatte, die eine willkommen streckende Längsbetonung sein kann. Vielleicht war es doch zu früh, das textile Accessoire zu beerdigen … Es in Branchen „ohne“ zu tragen versprüht sogar einen Hauch Avantgarde.

Akustik und Perspektive

Was noch hilft beim Firmenauftritt im Bewegtbild oder im guten alten Telefonat? Es ist das älteste Geheimnis der (Kunden-) Kommunikation: Aus Empfängersicht denken zu lernen.

Das Du in der Kommunikation ist vielleicht eines der größten Geschenke der Corona-Krise – sofern man die eigene Wahrnehmung auf Empfang gestellt hat.

Es bedeutet hinzusehen und wahrzunehmen, was das Gegenüber braucht. Jetzt ist die Gelegenheit, den anderen zu sehen und sich als Partner:in an dessen Seite zu stellen. Übrigens ist das die Grundformel der Höflichkeit: Den anderen zu sehen.

Wer so denkt, läuft kaum Gefahr, beim Gespräch aus dem Homeoffice einen Raum zu wählen, der die Stimme klingen lässt wie aus dem Schwimmbad. Und der überlegt auch vorher, welche Einsichten sich aus der Perspektive der Laptop-Kamera von schräg unten bieten können – vom Haarwuchs in der Nase bis zur Kinnbreite.

Die Vorteile liegen auf der Hand

  • Wofür wir stehen wird auch ohne Worte verständlich.
  • Je klarer die Aussage, desto eher werden Kunden und Partner angezogen, die dazu passen.
  • Ein moderner Auftritt ist attraktiv für bessere Bewerber (Employer Branding) und Geschäftspartnerschaften auf Augenhöhe.

So klappt es auch mit der Marke.


Katharina Starlay

Katharina Starlay ist ihren Lesern durch die Kolumne „Starlay Express“ bei Manager Magazin Online und ihre Bücher bei Frankfurter Allgemeine BUCH bekannt.
Ihr Debut gab sie 2012 mit „Stilgeheimnisse“.

Durch einige Jahre als Führungskraft im Einzelhandel (Branchen Mode und Kosmetik) verfügt die studierte Modedesignerin über einen einzigartigen Schatz an gelebtem Praxiswissen: Sie ist Beraterin, Trainerin und „Einkleiderin“ für Firmenauftritte und entwickelt für diese Style Manuals.

Seit 2014 ist sie Mitglied im Deutschen Knigge-Rat.

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