Für eine konstruktive Streitkultur

Können Sie gut streiten? Also ich nicht. Meistens versuche ich Streit aus dem Weg zu gehen. Harmonische Beziehungen zu meinen Mitmenschen sind mir einfach wichtiger. Das führt oft dazu, dass ich Dinge in mich „reinfresse“ – ein Punkt kommt zum nächsten und irgendwann knallt’s. Aber dann richtig. Dann kann es laut, unsachlich und verletzend werden. Und das ist dann eben nicht konstruktiv, sondern eher destruktiv. Dann geht es ums Rechthaben, ums Gewinnen. Wer haut die besseren Argumente raus, wer hat die smartere Antwort, an wen geht der nächste Punkt? Das ist ärgerlich und hilft nicht weiter.

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Ich habe mir einige Strategien zurechtgelegt, die mir helfen, in solchen Situationen gelassener zu bleiben und den Konflikt konstruktiv zu lösen.

Das Wichtigste: inneren Abstand schaffen. Sich nicht von den eigenen Emotionen überrollen lassen. Das funktioniert gut, wenn Sie zunächst einmal tief ein- und ausatmen. In den Bauch. Denn so nehmen Sie direkt Einfluss auf Ihr vegetatives Nervensystem, beruhigen Ihren Herzschlag und entspannen sich. Sie können auch mit inneren Bildern arbeiten. Mein Lieblingsbild: ich stelle mir vor, ich sei eine Forscherin, die gerade ein interessantes soziologisches Phänomen untersucht – und ZACK – habe ich inneren Abstand.

Das Zweite: wenn wir Kritik üben neigen wir dazu, DU-Botschaften zu senden. Das ist wenig hilfreich, denn eine Du-Botschaft ist wie ein ausgestreckter Zeigefinger. Das Gegenüber wird als der Schuldige hingestellt. „Du machst immer…“ das verletzt den anderen und fördert nicht gerade seine Bereitschaft einzulenken, oder sein Verhalten zu ändern. Wenn ich meine Kritik in einer Ich-Botschaft äußere, bleibe ich mit meinem Fokus bei mir und meinen Gefühlen und Wünschen. Beim Anderen löst eine solche Ich-Botschaft in der Regel Betroffenheit aus, er ist eher bereit zu kooperieren.

Und so geht’s:
„Ich nehme wahr, dass …“    (dein dreckiges Geschirr immer in der Küche rumsteht)
„Das bedeutet für mich …“     (dass ich das Geschirr in die Spülmaschine räumen muss)
„Das macht mich…“          (wütend)
„Ich bitte dich, in Zukunft…“     (dein Geschirr nach Gebrauch sofort einzuräumen)

Als Drittes: Aktives Zuhören – die Wunderwaffe, wenn es um Konflikte geht! Ich weiß ja nicht, wie es bei Ihnen ist, wenn Sie mit jemandem streiten – bei mir ist das oft so: während mein Gegenüber seine Argumente ausspricht, rüste ich schon mal mental auf. Ich bringe alle meine Gegenargumente in Position und wenn der andere Luft holt, dann – Bäm! – haue ich meine Gegenargumente raus. Mein Gegenüber macht das Gleiche – und schon sind wir in einer sich immer schneller drehenden Konfliktspirale, die irgendwann eskaliert.

Wenn ich das aktive Zuhören einsetze, passiert das nicht. Denn aktives Zuhören bedeutet: wenn mein Gegenüber fertig ist, oder wenn ich ihn von Zeit zu Zeit unterbreche (ja, das darf ich) fasse ich in meinen eigenen Worten zusammen, was ich verstanden habe.

Wenn ich das tun will, muss ich aber vor allem eines tun: dem anderen wirklich zuhören! Und das geht nicht, wenn ich gleichzeitig mental „aufrüste“. Merken Sie was? Auf diese Weise wird Geschwindigkeit aus dem Streit genommen und ich höre dem anderen wirklich zu. Das bewirkt bei mir, dass ich den anderen besser verstehen kann, und mein Gegenüber fühlt sich mit seiner Meinung wahrgenommen. Das führt zur Deeskalation des Konfliktes.

Mögliche Einstiegsformeln für die Zusammenfassung sind:
„Hab ich dich richtig verstanden, …“
„Du meinst also, dass …“
„Ich möchte nur mal kurz zusammenfassen, was ich verstanden habe…“

Aktives Zuhören ist übrigens auch ein probates Mittel, wenn es um komplexe Informationen geht oder wenn man Missverständnisse vermeiden möchte, denn das Gegenüber hat immer die Möglichkeit zu antworten: „Nein, so hab ich das nicht gemeint. Mir geht es um…“

Wenn ich hier für eine konstruktive Streitkultur plädiere, dann geht es mir aber nicht nur um den Streit zwischen zwei Menschen. Nein, ich glaube, wir brauchen tatsächlich dringend eine neue gesellschaftliche Streitkultur. Wertschätzend, mit Respekt vor anderen Meinungen, dem Mut, zur eigenen Meinung zu stehen und der Bereitschaft, neue, andere Perspektiven zumindest einmal anzuschauen. Erst dann kann gesellschaftlicher Streit, das Ringen um gute Lösungen für politische und gesellschaftliche Probleme konstruktiv und zielführend sein.

Nur so können wir die Teilung unserer Gesellschaft in immer radikalere Meinungslager und Parteien aufhalten.  Lassen Sie uns mehr miteinander statt übereinander oder gegeneinander reden.


Autorin: Louise Fiegel

Die Auftrittstrainerin Louise Fiegel zeigt ihren Kundinnen und Kunden, wie sie auf den großen und kleinen Bühnen ihres Lebens einen sympathischen, souveränen und authentischen Auftritt hinlegen können.

Ihr Motto: Ausstrahlung ist immer das, was von Innen nach Außen strahlt.
Ihre Arbeitsweise: Pragmatisch, Positiv, auf den Punkt.

www.louisefiegel.de

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