Die Vase loben

Neulich hatten wir Besuch. Ein deutsch-brasilianisches Ehepaar mit ihrer kleinen Tochter. Nach einem kurzen Rundgang durch unsere Wohnung, die sie noch nicht kannten, standen wir im Wohnzimmer und bewunderten den großen Walnussbaum, dessen Krone sich in etwa drei Metern Abstand zu unserem Wohnzimmerfenster und Balkon befindet. Da sagte unser Freund zu seiner Frau: „Ach, jetzt musst du noch die Vase loben.“

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Ich schaute etwas verständnislos zwischen beiden hin und her und er sagte zu ihr: „Erklär du das mal!“ Darauf sagte seine Frau: „In Brasilien lernen wir, dass wir, wenn wir bei jemandem eingeladen sind, unbedingt irgendetwas loben müssen. – Die schöne Aussicht, den schönen Garten, das gute Essen, den leckeren Kaffee, oder eben, wenn uns nichts Besseres einfällt, mindestens die schöne Vase, in die unsere Blumen gestellt wurden.“

Unser Freund ergänzte auf seine etwas ruppig-berlinerische Weise: „Tja, das stand im alten Knigge eben nicht drin.“ – Ich antwortete, „Das stimmt so nicht ganz. Denn das Anliegen des Herrn von Knigge war ja ein respektvoller, wertschätzender Umgang der Menschen miteinander. Und dazu gehört auch, den anderen zu loben, ihm etwas Nettes zu sagen, für eine gute Atmosphäre zu sorgen.“

Mich hat dieser Satz „Die Vase loben“ noch eine Weile beschäftigt. Zum einen finde ich es eine witzige und einprägsame Metapher. Darüber hinaus hat es mich zum Nachdenken gebracht: Nun kann man natürlich sagen: „Was für eine Heuchelei!“ – wenn ich mir einfach vornehme, – im Zweifel lobe ich die Vase. Ich glaube, das ist keine Heuchelei, denn es geht dabei vielmehr um die innere Haltung, mit der ich meinen Mitmenschen begegne. Was will ich wahrnehmen? Wohin lenke ich den Fokus meiner Aufmerksamkeit? Auf das, was nicht passt, oder auf das, was schön ist, gut läuft und passt? Worum geht’s mir? Wie wäre es, wenn ich mich einfach entscheide, dem anderen ein gutes Gefühl zu geben, ihm eine Freude zu machen?

Und es geht noch weiter: wenn ich diese Idee mal unabhängig von Gast / Gastgeber-Situationen, auf meine Beziehungen anwende – wie würden sich meine Beziehungen verändern, wenn ich mit dieser inneren Haltung von „Die Vase loben“ handle, kommuniziere, mich verhalte? Was würde passieren, wenn ich mir angewöhne, einfach mal zu loben? Große Dinge, kleine Dinge, etwas, das mir gerade auffällt? (weil ich meinen Fokus darauf ausgerichtet habe, genau so etwas wahrzunehmen)

Und noch einen Schritt weiter: wie würde sich das Klima in unserer Gesellschaft verändern, wenn wir alle etwas häufiger „die Vase loben“ würden? Ich glaube, es ist oftmals eine Entscheidung, die ich treffen kann. Gegen Rechthaberei, Distanziertheit und Beliebigkeit. Für ein interessiertes Miteinander, einen netten Umgang und freundliche Begegnungen. Und das kann ich überall tun, in der Schlange an der Supermarktkasse, beim Warten auf den Bus, im Café, wenn ich der Bedienung ein Kompliment mache oder „die Vase lobe“. Das fällt nicht immer leicht, und gelingt nicht immer. Aber ich kann mich zumindest immer wieder daran erinnern, dass es eine Option wäre „die Vase zu loben“.

Und wie könnten wir diese Idee weitergeben? An die Menschen, denen wir begegnen, die Menschen, mit denen wir leben und arbeiten, an unsere Kinder? Vermutlich am besten, indem wir es einfach tun. Indem wir einfach immer wieder „die Vase loben“.

Seit einer Woche mache ich ein Experiment: ich habe mir vorgenommen, in meinen Begegnungen mit anderen Menschen mindestens dreimal täglich „die Vase zu loben“. Schon jetzt kann ich von schönen Erfahrungen berichten: die Verwunderung in den Gesichtern, wenn sie von mir ein Lob bekommen, ein kleines, oft ungläubiges Freuen im Gesicht. Nette Gespräche, die sich ergeben. Und vor allem: mein eigenes Leben ist irgendwie netter geworden.

Mit unseren Freunden verbrachten wir einen schönen Nachmittag in der Spätsommersonne auf unserem Balkon. Gegen Abend verabschiedete sich die kleine Familie und im Hinausgehen zeigte die Frau auf einen großen Buddha-Kopf, der bei uns im Flur hängt und sagte mir, wie schön sie ihn fände. Daraufhin meinte ihr Mann: „Na, nu haste ja doch noch die Vase jelobt!“

Vielleicht probieren Sie es ja einfach mal aus? Vielleicht nehmen auch Sie sich einfach mal vor, ganz bewusst „die Vase zu loben“?

Ich wünsche Ihnen inspirierende Erfahrungen und schöne Begegnungen!


Autorin: Louise Fiegel

Die Auftrittstrainerin Louise Fiegel zeigt ihren Kundinnen und Kunden, wie sie auf den großen und kleinen Bühnen ihres Lebens einen sympathischen, souveränen und authentischen Auftritt hinlegen können.

Ihr Motto: Ausstrahlung ist immer das, was von Innen nach Außen strahlt.
Ihre Arbeitsweise: Pragmatisch, Positiv, auf den Punkt.

www.louisefiegel.de

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