Wer trägt sie nicht gerne, die Uhren der Schönen und Reichen? Uhren, die einem das Gefühl geben, zu all den „Auch schon da’s“, den „Bussis“ oder den „Da schau her’s“ zu gehören?

Welche ist echt und welche falsch? Mit der Zunahme der Fertigungsqualität fällt vielen der Unterschied tatsächlich nicht auf. Warum also viel Geld ausgeben, wenn es die gleiche Optik für einen Bruchteil des Preises der echten Uhr gibt? Dass bei diesen Überlegungen die möglichen Folgen oftmals außer Acht gelassen werden, ist eine andere Geschichte. Bild: Watchfinder & Co. [1]
Seit Jahren wird bei einer Vielzahl der Drang erkennbar, ihren Reichtum zur Schau stellen. Seither ist auch eine dramatische Zunahme an gefälschten Waren, wie Kleidung, Taschen und natürlich Armbanduhren, zu verzeichnen.
Die Anzahl gefälschter Armbanduhren aus China, Hongkong und Singapur wird aktuell pro Jahr auf etwa 40 Millionen geschätzt. Im Vergleich dazu produziert die Schweiz mit allen Marken jährlich knapp 30 Millionen Uhren.
Das lässt einen traurigen Rückschluss auf die enorme weltweite Nachfrage zu. Millionen von Konsumenten lassen sich offensichtlich von den Lügen der Anbieter zu einem Kauf hinreißen. „Super-Clone“ sollen dabei so hochwertig sein, dass sie weder ein Uhrmachermeister noch ein Konzessionär von ihrem jeweiligen Original unterscheiden können soll.
Doch das ist falsch! Super Clones machen das Erkennen nur schwerer.
Auch wenn die Fertigungsqualität der Fakes noch weiter zunimmt, können Uhrmacher und Herstellerfirmen Fälschungen – sogar einzelner Bauteile – dekuvrieren. Generell sollte doch klar sein, dass selbst ein Super-Clone in der Preislage von etwa 1.000 Euro niemals gegen ein Original mit seinen hohen Qualitätsstandards antreten kann! Das ist auch bei Stundenlöhnen in China nicht möglich. Qualitätsversprechen wie „AAA+++“, „Super-Replik“, „Best Edition“ oder „1:1-Clone“ führen Interessierte in die Irre. Sogar auf die Arbeitsbedingungen in China wird inzwischen eingegangen: „… Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten unter sehr ähnlichen Bedingungen, wie in der Schweiz!“ lautete jüngst ein Slogan.
Worauf jedoch nie eingegangen wird, sind kanzerogene Stoffe, die auch weiterhin in den Stoff-, Leder- oder Kautschukbändern enthalten sind. Bei den Metallgehäusen und -bändern liegt der Nickelanteil deutlich über dem in Europa zulässigen Maß.
Und übrigens … Die Fertigung gefälschter Uhren, selbst im High-End-Bereich, erfolgt fast vollständig im asiatischen Raum.
Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge kommt die Maße der gefälschten „Schweizer Uhren“ aus China und Hongkong, gefolgt von Singapur und der Türkei. Im Rahmen dieser Studie der wird der jährliche Schaden auf etwa 4 Milliarden Schweizer Franken beziffert.
Mit falschen Federn schmücken
Nicht jeder kann sich mal eben eine Uhr für 10.000 Euro oder mehr leisten. Dann wird eben ganz einfach zu einem Fake für einen deutlich kleineren Preis gegriffen. Doch was ist der tatsächliche Grund, dass sich so viele mit falschen Federn schmücken?
Einst konnten sich nur Menschen aus einem gehobenen Stand, wie etwa Direktoren, Ärzte, Industrielle oder Schauspieler eine Uhr leisten. Doch sie trugen nicht etwa eine Uhr, um sie zu herzuzeigen oder mit den Worten unserer Zeit ausgedrückt „… um damit zu protzen und aufzufallen“.
Der Mercedes AMG scheint echt zu sein. Die hier gepostete Rolex Daytona ist jedoch eine Fälschung! Werden Personen mit gefälschten Uhren entlarvt, ist das Theater groß. Schließlich kann es nicht angehen, dass man in das Privatleben eines – ja was eigentlich? – eingreift! Sehr oft geht es doch um Charaktere, die mit einer gefälschten Uhr den dicken Max spielen wollen, vor allem dann, wenn sie sich mit der Uhr auch noch posten. Bild: MWB Watches
Wer sich keine Uhr leisten konnte, blickte einst auf den Kirchturm oder hörte Radio. Mit den Wirtschaftswunderjahren wurde Armbanduhren wieder eine größere Aufmerksamkeit zuteil. Einige Hersteller konnten nun auch Armbanduhren zu erschwinglichen Preisen anbieten.
Eine regelrechte Identifikation mit einer Luxusuhr lag jedoch noch in weiter Ferne. Diese Zeit unterschied sich tatsächlich von unserer augenblicklichen Situation! Jeder wusste noch um seinen Platz in der Gesellschaft und sah sich nicht mit den „Oberen Zehntausend“ auf einer Stufe – man gab sich mit seiner Rolle zufrieden. Auch kam in vielen noch nicht das Quäntchen Neid auf, das heute manche Menschen förmlich zerfrißt.
„Das steht mir auch zu!“, lautet vielerorts die Devise. Ob man es sich hart erarbeitet oder seine Zeit mit Nichtstun und Partys verbracht hat und die allerorten rezitierte Work-Life-Balance immer vor Augen hatte, spielt dabei ganz offensichtlich überhaupt keine Rolle.
Wer bin ich? Frag doch die anderen! [2]
Unumstritten verkörpern Designer- und Luxusartikel den eigenen sozialen Status. Sie gelten als Symbole für Erfolg, Kultiviertheit und Wohlstand. Mit dem Besitz einer Fälschung wird es aber möglich, dieses Image zu imitieren und den sozialen Druck zu lindern – ohne den hohen finanziellen Aufwand eines Originals.
Eine wesentliche Ursache hierzu ist in der Aufsplitterung unserer Gesellschaft zu finden. Vollkommen unterschiedliche Gruppen mit zunehmend konträren Einstellungen und Ansichten entziehen der Gesellschaft die klare Definition der Rollen, anhand derer sie sich einst orientieren konnte.
Das Leben vieler ist nun von der Frage „Wo ist meine eigene Identität?“ geprägt, was dazu führt, dass sie den Verlust der eigenen Identität mit dem Erwerb von gefälschten Gegenständen kompensieren und so – zumindest vorübergehend – eine Befriedigung erfahren.
Auf der Suche nach der eigenen Identität identifizieren sich viele mit materiellen Dingen. Sie wollen zu einem bestimmten Kreis der Gesellschaft zugehörig sein. Der Zwang zur Identität führt nicht selten zu der Frage „Wer muss ich sein?“. Damit wird die Identität zu einem Spagat. Das erklärt auch, warum sich einige Menschen über ein Statussymbol definieren müssen und sich nicht einfach mit einer guten Uhr für weniger Geld zufrieden geben können.
Dabei reduziert der vorherrschende starke Wandel in der Gesellschaft den sozialen Status und relativiert ihn in bestimmten Kreisen regelrecht.
In zahlreichen Befragungen gaben die Besitzer von Fälschungen beinahe immer die gleiche Antwort: Ihnen sei das Original schlichtweg zu teuer und sie seien damit gezwungen, auf eine Fälschung auszuweichen.
In Bezug auf eventuelle gesundheitliche oder rechtliche Folgen bestehen offenbar überhaupt keine Bedenken. Bewusst werden diese Entscheidung herbeigeführt, obwohl bekannt ist, dass der Kauf von Fälschungen kriminelle Organisationen unterstützt, mit dem Erwerb rechtliche Risiken verbunden sind oder beim Import gefälschter Waren Strafen und die Beschlagnahmung durch den Zoll drohen.
Dass Fälschungen einen äußerst negativen Einfluss auf den Stil eines Menschen haben, scheint in deren Wahrnehmung ebenfalls keinen Platz gefunden zu haben.
In großen Teilen dieser Welt wird tagtäglich von Stil gesprochen. Darüber, welche Uhr zu welchem Outfit und was zu welchem Anlass am besten passt, wird in allen möglichen Internetforen diskutiert. So gut wie nie jedoch taucht hier die klare Botschaft auf, dass das Tragen von Fälschungen generell und grundsätzlich als stillos bezeichnet werden muss!
Früher oder später wird jeder mit seinem Fake dekuvriert! Dann wird es ausgesprochen schwer sein, weiterhin in der Gesellschaft ernst genommen zu werden. Wer einmal mit einer Fälschung erkannt wird, dem nimmt man in der Zukunft ein tatsächliches Original erst gar nicht mehr ab.
Die gute Empfehlung lautet daher, auf eine echte, jedoch günstigere Uhr auszuweichen, oder auf ein Original zu sparen und schließlich den wahren Wert darin zu erkennen und zu erleben! Zumindest bietet diese Haltung jenen Teilen der Gesellschaft die Stirn, die ihre Identität alleine in bedeutungsvollen Markennamen sehen – ob echt oder nicht!
Legende:
[1] Wer es wirklich wissen will: die echte Uhr ist links auf dem Bild
[2] Eva Jaeggi, studierte Psychologie, Geschichte und Philosophie und promovierte im Jahr 1957 in Wien. Ihr Buch mit dem Titel „Wer bin ich? Frag doch die anderen! Wie Identität entsteht und wie sie sich verändert“, erschien 2014.
