Was ist ein Gentleman?

von | 08.08.2026 | Werte, Umgangsformen, Persönlichkeit

Die Serie preisgekrönte Netflix-„Adolescence“ mutet dem Zuschauer einiges zu. Hier begeht ein Teenager einen Mord an seiner Mitschülerin und die Eltern verstehen die Welt nicht mehr. War er von frauenfeindlichen Macho-Influencern fasziniert? Die bedrückende Serie lässt die meisten Fragen offen. Eine davon ist, welche männlichen Rollenbilder es heute gibt. Auf der einen Seite ist es die „Manosphere“, in der Gestalten wie Andrew Tates ihre Muskeln und ihren Reichtum zur Schau stellen und Frauen wie Objekte behandeln.

 

Szenenwechsel: findet irgendwo ein besonders krasses Gewaltdelikt statt, lassen die Stimmen nicht lange auf sich warten, die diagnostizieren, „Männlichkeit“ sei das Problem. Googelt man „Männer sind das Problem“ findet man sofort eine Unmenge von Artikeln und Zitaten (zum Beispiel von Heidi Reichinnek) mit genau dieser Aussage. Abschaffung des Mannes oder toxischer Macho? Keines von beidem kann die Lösung sein. Wenn sich diese Scheinalternative stellt, lohnt die Erinnerung an ein Ideal von Männlichkeit, das so alt ist, dass es tatsächlich unsere ganze Kultur prägte: der Gentleman. Der Begriff ist jünger als das dahinterstehende Konzept. Es sind die höfischen Tugenden (daher auch der Begriff „Höflichkeit“) des Mittelalters, die das Bild eines Mannes zeigen, der weder schwach, noch ein Rüpel ist. Wie kam es dazu? Hatte ein Kämpfer sich am Schlachtfeld bewiesen und genoss er nun Zugang zum Hof, begegnete er dort ganz anderen Situationen als dem bewaffneten Zweikampf. Hier gibt es Frauen, hier gibt es Kinder, hier gibt es gutes Essen, Musik, Geistliche und andere Würdenträger. Nun zählen andere Qualitäten. Neben den Kämpfertugenden wie Kühnheit, Durchhaltevermögen und körperliche Kraft werden nun bestimmte neue Tugenden wichtig: Milte, Staete, Triuwe, Dienemuote und Maze heißen sie auf Mittelhochdeutsch. Sie charakterisieren den edlen Mann, den Gentleman: Besonnenheit, Beständigkeit, Treue, Zuverlässigkeit, Demut und das Maßhalten. Kein Gentleman ist, wem die fehlt. Dessen Wort nichts gilt, der prahlt, sich in den Vordergrund spielt, sich vordrängt und unmäßig ist. Dieses Ideal der Männlichkeit bewegt sich also gerade in der Balance zwischen Stärke und Milde und vermeidet gerade dadurch beide Engführungen: die des Schwächlings einerseits und die des hypermaskulinen Grobians andererseits.

 

Der deutsch-italienische Philosoph und Theologe Romano Guardini (+1968) setzte dem Gentleman ein literarisches Denkmal, als er schrieb:
„… er sei einer, auf den Verlaß sei. Von dem man wisse, wie er sich in bestimmten Situationen benehmen werde. Und zwar werde er darauf bedacht sein, daß die Dinge sich vernünftig und freundlich fügen, damit das soviel bedrängte und behinderte Leben weiter gehen könne.
…. er sei einer, der Ehre im Leibe habe. Nicht nur äußerliche, auf die Schätzung der andern hin, sondern innere.
Eine Ehre, die aus dem unwillkürlichen Sinn für Recht und Unrecht komme; mit Selbstverständlichkeit zwischen Sauber und Schmutzig, Anständig und Gemein unterscheide.
Ein Gefühl und Urteil für Ehre, das aber nicht phantastisch, sondern auf das wirkliche Leben bezogen ist, und daher imstande, die täglichen Situationen richtig zu meistern.
… er sei einer, in dessen Händen die zarten Dinge gut aufgehoben seien.
… er sei einer, der die Verletzlichkeit des andern fühle und sich bemühe, ihm keinen Schmerz zuzufügen.
… er sei einer, der die Kostbarkeit der Stille fühlt.
Der um die von allen Seiten angetobte Menschlichkeit Sorge trägt und sich bemüht, ihr, soviel an ihm liegt, ein bißchen Raum zu erhalten. Dem Dämon «Lärm» widersteht, der in alles Leben eindrängt äußeres und inneres, bis in das der Frömmigkeit Und so einen Kampf führt, der oft hoffnungslos scheint, von dem aber doch so viel abhängt.
Ein Gentleman ist jener, der keinen Lärm macht.“
Liest man diese tiefsinnigen Worte, wirken sie aus der Zeit gefallen und zeitlos zugleich. Am meisten Eindruck hat auf mich die überaus konzise Aussage gemacht, ein Gentleman sei einer, in dessen Händen die zarten Dinge gut aufgehoben seien. Ja, der Umgang mit Frauen, der Umgang mit Kollegen, das Verhalten in delikaten zwischenmenschlichen Situationen aber auch der Umgang mit Kleidung, Kunst und Essen: ein Gentleman zeichnet sich dadurch aus, dass er all dies kennt, um seine Bedeutung weiß und sich entsprechend verhält. Dass er im Vollbesitz seiner Kraft ist, wird dabei stillschweigend vorausgesetzt. Wer schwach ist, in dessen Hände sind die zarten Dinge auch nicht gut aufgehoben. Doch wer Kraft hat, diese jedoch einzusetzen und zu zügeln weiß, dem vertraut man.

 

Der Gentleman ist nicht von gestern, er ist von heute und von morgen. Die Welt sähe anders aus, wenn es mehr davon gäbe. Wir sollten einer neuen Generation diese Werte vorleben und vermitteln.

Dr. Johannes Hartl

Ich bin …

Dr. Johannes Hartl und habe Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft studiert. Als Speaker und Autor beschäftige ich mich mit der „Philosophie des wahren Lebens“. Ich bin verheiratet und Vater vierer Kinder.

Mitglied im Deutsche Knigge-Rat, weil … 

wertschätzende Umgangsformen auf eine Kultur des Menschlichen schließen lassen, von der wir dringend wieder mehr benötigen.

Dort bringe ich meine Expertise ein für die Bereiche … 

Grundlegende Fragen: Welche Kultur wollen wir vertreten, welches Menschenbild prägt uns? Für mich tragend sind Verbundenheit, Sinn und Glaube.

In der Freizeit … 

reise ich viel und lese philosophische Bücher und klassische Literatur.

Mein Motto ist … 

„Im Hier und Jetzt wartet Lebensreichtum auf den, der wahrnehmen kann.“

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