Theologischer Knigge: Regeln für den Wertepark

„Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.“
Wilhelm von Humboldt

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Gott-Mensch-Relation: ein aktiver Wachstumsprozess

Theologie in christlicher Tradition ist basal ein Werteprozess: Weg von Werten, die das menschliche Leben behüten, begrenzen und bestärken. In dieser Trias ist auch die Funktion von Ethik aufgehoben: sie schützt vor Unbill; grenzt sinnvoll-lebensdienliche von lebensbeengenden modi vivendi ab; sie ermutigt und ertüchtigt zu einem aktiven Lebensdrive im Gleichtakt von Freude, Liebe und Barmherzigkeit.
Menschsein vor Gott ist stets mit dem Gedanken des Zu-Gott-hin-Geschaffenseins verbunden.

Fecisti nos ad te – et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te. (Augustinus):
„Du hast uns zu Dir hin erschaffen – und unruhig bleibt unser Herz, bis es zur Ruhe findet in Dir.“

Von Gott gerufen zu sein heißt, zur Beziehung zu ihm berufen zu sein.

Gerhard Tersteegen (1697-1769) drückt den „Knigge“ eines erfüllten Lebens als „frommer Einsiedler“ und markanter Jesusnachfolger einmal wie folgt aus:
Senk dich ins stille Nun, den göttlich’n Augenblick,
sanft, lieblich und gedenk nicht vorwärts noch zurück!
So überlass dich Gott, dich innig in ihn neige
und warte in Geduld, bis er sich selbst dir zeige!

Die Exzellenz-Regel

Eine loslassende und auf Gott harrende Seinsweise, die ganz im Moment zu Hause ist.
Stille sein vor Gott – und aus dieser „ersten Regel“ das Leben gestalten, ist durchaus die wesentliche Tugend eines wahrhaft christlichen Lebens. Die Leidenschaft also für das Gott-Nahe-Sein! Gewissheit, Hoffnung und Mut, die aus der Gelassenheit entspringen.

Dabei ist die Regel der Vortrefflichkeit sowie der Verbindlichkeit, ja der Vorzüglichkeit durchaus ein Ursprungsmotiv der christlichen Bewegung, wie sie Jesus in der Bergpredigt in Matthäus 5,48 formuliert hat: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“
Die Gute-Nachricht-Übertragung formuliert dies wie folgt: „… wie die Liebe eures Vaters im Himmel, so soll auch eure Liebe sein: vollkommen und ungeteilt.“
Die Regel der Exzellenz – und damit einer besonnen-fokussierten Haltung – ist durchaus eine in den christlichen Frühschriften klar erkennbare Basisregel, die Themen wie Hoffnungsgewissheit, Heiligkeit, Handlungsklarheit und heuristische Innovationskraft ihr Eigen nennt.

Heilsames Leben im Modus der Innigkeit mit Gott („Gehorsam“), ferner im Sinne von Achtsamkeit, Andacht und Aufblick zu Gott und seiner Wirklichkeit.
Spiritualität ist im Wesen nichts anderes als das Sich-verfügbar-Machen für die Kraft des Himmels in diesseitigen Gefilden.

Ernst Troeltsch (1865-1923): „Das Jenseits ist die Kraft des Diesseits.“

CORAM DEO: “Heiliger Ernst“ und Esprit

Mit Paul Tillich (1886-1965) wäre ergänzend für einen „theologischen Knigge“ – als authentisch-lauterer Denk- und Argumentationshaltung – festzuhalten, dass der Glaube sowie die christliche Lebensauffassung darauf zu richten sind, Fragen unserer Zeit, der Gesellschaft und der Mitmenschen zu beantworten – und nicht fromme Gedanken auf nicht gestellte Fragen zu richten.
Christsein sowie ein der Regel der Liebe konformes Handeln sind stets relational bestimmt: in Beziehung, im Modus der Erkennbarkeit von Wort und Ant-Wort, in der Dialektik von ehrlichem Fragen und aufrichtigem Antworten. In dieses Dialogmuster ist der Mensch a limine hineingestellt.

Der Ruf der christlichen Religion meint nicht mehr und nicht weniger als dieses In-die-Gottes-Relation-Gestellt-Sein: Sein coram Deo („vor Gott“), das hineinstellt in die Welt-Relation (coram mundo bzw. coram hominibus) sowie in die Verantwortlichkeit uns selbst gegenüber (coram meipso).
Diese Relationalität hat aber nicht nur mit heiligem Ernst zu tun, sondern sie ist durchaus mit Esprit gefüllt: biblische Texte stecken in der Tat voller Witz und Finesse. Gott lacht nicht selten über seine Menschen und über das, was sie wieder einmal verbockt haben. Doch er ist und bleibt stets gütig in seinem Wesen, Wirken und Handeln.

Imperativ der Gnade

Gott und Mensch: das geht gewiss nur mit einer großen Prise Humor – und mit einem modus vivendi, der von humorvollem Esprit nur so trieft, also cum grano salis daherkommt. Die Humorregel umgreift jede originär christliche Reflexionskultur. Am Ende jeder theologischen Ethik – und am Anfang jedes theologischen Regelwerks – müsste stehen: Und Gott lachte.
So ist ein Theologischer Knigge im Kern eine Art Imperativ der Gnade, der uns zu einem Menschsein beruft, das aus dem Geist der Liebe und Fürsorge sowie mit einem lächelnden Herzen der göttlichen Lebensfülle Raum schenkt. Dies wird am besten umschrieben mit den beiden Basalkünsten des Lebens: ars amandi et ars moriendi – dem Sich-Widmen („amare“) des Aufgetragenen und dem Loslassen („morire“) mit Blick auf das, was unser Leben nicht mehr erweitert und bereichert. In diesem Dialektik-„Spiel“ ist die Grundbewegung theologischer Reflexionskraft präzise umschrieben.


Autor: Thomas Nisslmüller

Privatdozent Dr. theol. habil. Thomas Nisslmüller war u.a. in den USA als Radiomoderator, Fußballtrainer und Professor aktiv. Er lehrt heute an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Praktische Theologie und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht.

2002 hat er ein bikontinentales Executive-MBA-Studium abolsoviert (Universität St. Gallen, Luxemburg und UC Berkeley).

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