Stilvoll besichtigen – Immobilien-Knigge in der Findungs-Phase

von | 04.07.2026 | Stil, Wohnen, Immobilien-Knigge

Wenn sich das Leben ändert, hat das meist auch eine Auswirkung darauf, wo wir unsere sprichwörtlichen Zelte aufschlagen und wie wir zuhause sein wollen. Dabei ist das eigene Heim genauso intim mit unserem Sein verbunden wie die Kleidung … die ja bekanntlich an die Wäsche geht.
Deshalb ist es wichtig, sich bei der Auswahl einer neuen Immobilie – sei es zur Miete oder zum Kauf – Gedanken zu machen und schon dem Prozess (und seinen Protagonisten) Wertschätzung entgegen zu bringen. Es geht also nicht nur darum, was wir er“werben“, sondern auch, wie.

Ob wir uns in einem Exklusivmakler-Markt oder aber in einem Mehrmakler-Markt (wie zum Beispiel auf den Balearen) bewegen, ist zwar vordergründig sehr bedeutsam – führt uns aber dennoch immer an denselben Punkt: Der Immobilien-Kauf verbindet uns auch persönlich mit den Begleitern auf diesem Weg, unabhängig davon, ob wir zur Eigennutzung, gewerblich oder als Investition suchen, für einen Erst- oder Zweitwohnsitz. Aus einem (Ver-) Kauf entstehen nicht selten auch Freundschaften! Der persönliche Dialog mit dem jeweiligen Verhandlungspartner sowie mit Anwälten und Maklern verlangt daher von allen Seiten Transparenz, einen ehrlichen Dialog und dadurch Vertrauen. Die in Sketchen oft zitierte Autoverkäufer-Masche zieht hier nicht.

In einem Mehrmakler-Markt sollte sich der Eigentümer bewusst machen, dass zu viele Annoncen bei zu vielen Maklern schnell etwas Verzweifeltes bekommen, das bei Beobachtern der Omnipräsenz am Markt für Fragezeichen sorgt. Stimmt da vielleicht etwas nicht? Warum ist der Verkauf so dringend?

Wie der Weg, der zum Ziel führt, statt eines Spießrutenlaufs ein schöner Parcours wird:

 

Wählen Sie Ihren Makler klug

Eine Agentur filtert Kunden und Besichtigungen vor und schützt Ihren Standort, so dass unangemeldete Besuche von Neugierigen zum Glück ausbleiben. Manchmal kann ein kleinerer, regionaler Makler die richtige Wahl sein – wenn der Wunschkäufer die Region bereits kennen soll oder ein Liebhaber-Objekt an den Start geht.

Auch als Interessent:in überlege ich mir, ob ich beispielsweise überregional – oder aber lokal suchen möchte. Ein Makler übersetzt Ihre Vorstellungen und Wünsche in Immobilienvorschläge, die zu Ihnen passen, und hat das Objekt auch juristisch vorgeprüft –, zum Beispiel, ob alle Gebäudeteile genehmigt sind. Das sind wertvolle Informationen, die vor Fehlentscheidungen schützen und welche man sonst selbst einholen müsste. Heute ist der Beruf des Immobilienmaklers fern von einer anrüchigen Profession: Er verlangt Markt- und technische Kenntnis genauso wie regionales Wissen, Arbeitsgüte und eine große Portion Toleranz für Menschen und ihre Befindlichkeiten. Immerhin vertrauen wir ihm unseren Wohnstil an. Übrigens hat sie oder er auch einen Namen, mit dem er angesprochen werden möchte (und den man auch richtig schreiben darf).

 

Reflektieren Sie Ihre Ansprüche und denken Sie zu Ende

Eine zu lange und unrealistische Wunschliste ist das perfekte Mittel, um sich selbst und der eigenen Zukunft im Weg zu stehen. Sind von zehn Punkten bereits acht erfüllt? Dann ist es verwegen, an Punkt neun und zehn herumzukritisieren, wenn das Objekt ansonsten klasse ist. Wenn man sich in einen Menschen verliebt, hakt man ja auch nicht irgendeine Liste ab, sondern nimmt das ganze Paket an Eigenschaften.

Seien Sie deshalb auch sich selbst gegenüber ehrlich und verabschieden Sie Stereotype: Ein Landhaus mit großem Areal zu suchen, wenn man eigentlich keine Gartenarbeit mag und Heuschnupfen hat, ist genauso sinnbefreit wie die Suche nach dem Sonnenuntergang in 1. Meereslinie an einer Ostküste – dort geht die Sonne nämlich auf. Sie können sich und Ihrem Makler viel Aufwand sparen, wenn Sie diese Überlegungen vorher anstellen. Und auch dem Eigentümer gegenüber ist es höflich, nur ernstmeinend zu besichtigen … womit wir wieder bei Knigge und gutem Benehmen sind. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihr bisheriges „Schloss“ von Leuten frequentiert wird, die „nur mal so gucken“ wollen? Besichtigungen als touristische Tat oder gar als Hobby sind daher ein No-go.

 

Stilvoll besichtigen: Zu früh ist auch unpünktlich

Dass Sie die Exposés der infrage kommenden Immobilien gelesen und verstanden haben, sollte eigentlich selbstverständlich sein … auch wenn manche KI-generierten Texte mit den übertrieben vielen Superlativen gewöhnungsbedürftig sind. So aber haben Sie die Kennzahlen im Kopf und müssen nicht mehr abfragen, was ohnehin schon geschrieben steht. Dann kann es um das Eigentliche gehen: Die Immobilie und wie sie sich anfühlt. Auch ohne Kameraüberwachung sollte es selbstverständlich sein, dass man sich nicht auf Tische oder Betten setzt …

Als Eigentümer sollten Sie sich bis auf ein kurzes Kennenlernen eher zurückziehen oder währenddessen spazieren gehen, denn es ist besser, wenn man nicht alles weiß. Bin ich selbst der Interessent, halte ich mich mit Kommentaren zurück und verzichte auf abfällige Bemerkungen – besonders wenn ein Eigentümer in Hörweite ist. Denn wie würde es Ihnen selbst gehen, wenn jemand das, was bisher Ihr Tempel war, herabwürdigt?
Unter den Schnäppchenjägern ist das übrigens eine beliebte Methode, um den Preis zu drücken. Daher sollten sich beide Seiten gut überlegen, auf wen sie sich als Käufer oder Verkäufer, Mieter oder Vermieter einlassen. Manche sagen sogar, dass sich Häuser ihre Bewohner aussuchen …

Eine Besichtigung zu planen, braucht etwas Vorlauf. Der Makler erreicht einen Eigentümer selten innerhalb kürzester Zeit, um das Einverständnis für einen Besuch einzuholen. Oder das Haus soll vor der Präsentation noch gründlich geputzt werden. Zum Termin selbst sollte man weder zu spät – noch zu früh erscheinen: Ist die Immobilie nämlich gerade nicht bewohnt, gibt es zum Beispiel unzählige Fensterläden zu öffnen, um das Haus im besten Licht zu zeigen. Wir können davon ausgehen, dass jede Besichtigung einen Aufwand bedeutet, bei dem nicht zuletzt die Hoffnung auf einen Abschluss mitschwingt.

 

Das Haus sehen und verstehen

Wer eine Immobilie nicht in ihrer Struktur annehmen kann, wie sie ist, und „alles rausreißen“ und ändern will, steht im falschen Haus. Wir denken an die Ehrlichkeit mit sich selbst … Dann sollte man noch einmal zurück an den Start gehen und die eigenen Ansprüche sowie die Kommunikation darüber reflektieren. Ein Makler wird Sie dabei begleiten und Ihre Überlegungen spiegeln, wenn sie es zulassen.

Denken Sie bitte auch voraus: Kann ich auch in fünf oder zehn Jahren noch hier leben? Sehe ich mich und meine Familie hier glückliche Zeiten verbringen? Ohne dieses Bild vor Augen bleibt ein Haus immer ein Haufen Steine mit einer technischen Struktur.

 

Resumée

Das Zelt, vor dem wir sitzen werden, hat mehr mit uns selbst zu tun als wir meinen. Deshalb sollte schon der Weg dorthin ein guter sein. Vivienne Westwood, eine Ikone der Mode-Industrie hat einmal gesagt: „Kauft weniger, sucht es sorgfältig aus, lasst es beständig sein.“ Das gilt für Ihr neues Zuhause noch mehr als für die Kleidung.

 


Katharina Starlay

Katharina Starlay arbeitet seit 2024 bei Engel & Völkers auf der Baleareninsel Mallorca. Ihre Erfahrung bezieht sie aus der Betreuung einer autarken Finca seit 2014. Im selben Jahr wurde sie auch in den Deutschen Knigge-Rat berufen.

Bekannt ist sie als Stilautorin bei Frankfurter Allgemeine BUCH (z.B. „Stilgeheimnisse“) und Beraterin für Kleidung und die Berufung nach dem Beruf, welche sie ergänzend anbietet.

Das Verständnis um die Substanz und Struktur von Immobilien ist für sie genauso anspruchsvoll wie die Textil-Technologie, mit der sie schon immer verbunden war.

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