
Schule ist bekanntlich nichts für schwache Nerven, weder für die Schüler und Eltern noch für die Lehrer. Notendruck, Versagensängste, Ungerechtigkeiten, daneben außerschulische Ablenkung, all das gab es schon immer. Was in beängstigender Weise zugenommen hat, sind digitale Störfeuer. Aus der Phase medialer Reizüberflutung sind wir unversehens in die digitaler Hass-und-Hetze-Tsunamis hineingeraten. Für kindliche Gehirne kommt dies einer frühen Traumatisierung gleich. Dabei stehen wir im Prozess technologischer Umwälzung – Stichwort KI – erst am Anfang. Schon jetzt sorgt der Alltag auf Smartphones und in Sozialen Medien bei Kindern und Jugendlichen für enormen seelischen Druck, zumal sich den virtuellen Verführungen kaum jemand entziehen kann.
Digitale Störfeuer: eine sträflich unterschätzte Gefahr für die mentale und psychische Gesundheit junger Menschen
Nicht die Digitalisierung selbst ist das Problem, sondern unser fahrlässiger Umgang mit ihren akuten Gefahren – dass Erwachsene also dem ganz normalen Wahnsinn, wie er in den Netzwerken ihrer Schutzbefohlenen herrscht, meist ahnungslos gegenüberstehen. Schon 2023 forderte die niedersächsische Schulleiterin Silke Müller in ihrem Buch Wir verlieren unsere Kinder! eine „digitale Ethik“ für die Gesellschaft im Allgemeinen und Minderjährige im Besonderen (S. 33). Die Lage sei dramatisch: „Wir haben eine virtuelle Welt erschaffen (lassen) und bedienen und füttern nun bildlich gesprochen ein Monster, das wir selbst nicht mehr beherrschen können. Wir fordern den Aufbau von Medienkompetenz für die Kinder und besitzen selbst keine“ (S. 148).
Die Ökonomie von Aufmerksamkeits-Triggern, Indoktrination durch Logarithmen und die TikTokisierung der Gehirne als Auslöser von Lern- und Konzentrationsproblemen
Man kann zum Handyverbot an Schulen, das derzeit diskutiert wird, stehen, wie man mag. Tatsache ist: Keine Generation zuvor wurde so perfide von Logarithmen geködert und mit widerwärtigen Gewalt- und Missbrauchsdarstellungen befeuert. Hinzu kommt die Verrohung zwischenmenschlicher Interaktion im Netz. „Hatespeech“, „Mobbing“, „Cybergrooming“, „Fake News“ und „Deepfakes“ versehren Seelen oft schon im Kindesalter und zerstören Urvertrauen in zentrale Werte der Gemeinschaft. Und wo bleibt angesichts der TikTokisierung der Gehirne noch Raum für konzentriertes Lernen, für Kreativität und freie Persönlichkeitsentwicklung? Wie soll auf toxisch verseuchtem Grund Empathie für ein respektvolles Miteinander gedeihen?
Die Alarmzeichen stehen auf Rot: Laut Pisa-Studie hat das Leistungsniveau der Schülerinnen und Schüler in Deutschland einen historischen Tiefstwert erreicht.
Pünktlich zum Schulstart sorgte soeben eine neue Pisa-Studie der OECD für Aufregung. Schülerinnen und Schüler in Deutschland, heißt es, würden 2025 so schlecht wie nie zuvor abschneiden. Die 6.700 getesteten 15-Jährigen aus etwa 250 deutschen Schulen hätten „die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Pisa-Erhebungen erzielt“, so Studienleiter Samuel Greiff. Besonders bedenklich sei es, dass sich der Abwärtstrend bereits seit etwa 2015 abzeichne. Jedem dritten Jugendlichen mangle es heute an grundlegenden Kompetenzen in Lesen und Mathematik, jedem vierten in den Naturwissenschaften. Gut jeder Fünfte habe in keinem der drei Felder „ausreichende Basiskompetenzen“.
Wundert uns das? Aufmerksamkeits-Trigger sowie permanente Meinungs- und Gefühlsmanipulationen durch Logarithmen führen zu pathologischen Abhängigkeiten, die von Rechts wegen unters Betäubungsmittelgesetz fallen sollten. Gewiss wird man über Reformen des Bildungswesens sprechen müssen – über Methoden, wie Unterricht organisiert, Wissen vermittelt, eigenständiges Denken und mündiges Urteilen künftig ermöglicht wird. So entscheidenddie planvolle Verknüpfung des Forderns mit dem Fördern für den Lernerfolg ist, nur mit einer strammgezogenen Leistungsethik wird man dem grundlegenden Problem nicht beikommen, und dieses lautet: Außerkraftsetzung des kindlichen Denk- und Lernvermögens durch unregulierte virtuelle Dauerbefeuerung. Müsste es nicht im Interesse aller Beteiligten liegen, die Voraussetzungen fokussierten Lernens schleunigst wiederherzustellen?
„Fürs Leben lernen“ – nichts weiter als eine schöne Illusion?
So unerlässlich ausreichende Basiskompetenzen sind – von der oben genannten Pisa-Erhebung gar nicht erfasst wurden soft skills. Wie die Wissensvermittlung steht die Verankerung gesellschaftlicher Grundwerte (Legitimation) und die Einübung gesellschaftlich erwünschten Verhaltens (Sozialisation) im Zentrum des schulischen Bildungsauftrags.
Durch die Verrohung im Netz sind Pädagogen heute mehr denn je gefordert, Kindern Grundlagen kultivierten Umgangs in der Gruppe zu vermitteln. Wo sonst sollen sie lernen, einander mit Respekt und Empathie zu begegnen, während in der digitalen Welt alles maximal eskaliert (wird)? Unnötig zu sagen, dass eine solche Herkulesaufgabe nicht allein auf die Lehrer abgewälzt werden darf. In ihrem Bestreben, junge Menschen zu mündigen, selbstbewussten Individuen zu erziehen, benötigen sie konsequente Unterstützung durchs Elternhaus.
Empathie, Fairness und Höflichkeit als „Hauptfächer“ gelungener Herzensbildung
Menschen, die sich Tag für Tag Mühe geben, Schülerinnen und Schüler fair zu behandeln, sie zu motivieren und ihnen ihre Ängste (Blockaden) zu nehmen, verdienen allerhöchste Wertschätzung. Kinder brauchen Erzieher, die ihnen gesellschaftliche Grundwerte schmackhaft machen, und Vorbilder, die Wohlverhalten nicht nur einfordern, sondern den respektvollen Umgang mit ausnahmslos allen, guten wie weniger guten Schülern, selbst beherrschen und beherzigen.
Wir müssen mehr denn je darauf Acht haben, dass angesichts der vielen Krisen unserer Tage das wichtigste Gut im Zusammenleben nicht weiter verlorengeht: Vertrauen, Empathie, Respekt und Takt. Was spricht dagegen, die digitale Welt genauso menschenwürdig zu gestalten wie die analoge? Nur wenn es uns gelingt, das allgegenwärtige digitale Monster dort, wo es mehr Schaden als Nutzen anrichtet, zu zähmen, werden erfüllende Freiräume für Herzen und Hirne entstehen.
