Die Dresscode Dämmerung

von | 09.10.2021 | Kleidung, Allgemein, Werte, Gesellschaft

Wir stehen am Anfang einer neuen Ära. Anzug und Krawatte, Kostüm und Kleid – diese Elemente eines veredelten Looks scheinen vergangen und vergessen zu sein. Und doch: In uns lebt eines der menschlichsten Bedürfnisse überhaupt: Der tiefe innere Wunsch, von anderen positiv gesehen und wahrgenommen zu werden. Die Sehnsucht nach Schönheit.
Wie kann ein gepflegter Dresscode in der Neuzeit nach Corona aussehen ohne verstaubt und gestrig zu wirken?

Foto: Shutterstock

 

Um die Wirkung eines Anzugs – also Ober- und Unterteil aus einem Stoff – nachzuvollziehen, dürfen wir einen Schritt zurück treten und in die Vergangenheit schauen. Denn in manchen Zeiten war die Stoffarmut so groß, dass die Kombination auch für den Mann unausweichlich war. Immer dann aber, wenn es der Wirtschaft wieder besser ging, konnten sich Männer von oben bis unten in ein-und-dieselben Tuche hüllen – oder Frauen in weite Röcke und üppige Roben. Bis heute stehen großzügig eingesetzte Gewebe für gute(s) Wirtschaft(en). Das macht den klassischen Anzug zu einem international anerkannten Signal der gepflegten Kleidung, das Achtung erzeugt.

Heute laufen wir eher freiwillig in knapp bemessener Montur durchs Leben und fragen uns kaum noch, wie andere uns sehen. Oder doch?

In einem faz.net-Artikel vom 11. August 2021 titelt Autorin Stefanie von Wietersheim: „Wer Anzüge trägt, hat sein Leben nicht mehr im Griff“ … und kommt wie viele vor ihr doch zu dem Schluss, dass Bizeps-Shirt, Hoodie, schmale Hosen und weiße Turnschuhe zur neuen Uniform avanciert sind und auch ihre Träger nicht daran vorbei kommen, dass es die Persönlichkeit ist, die einen Stil formt.
Am Ende, so resümiert sie, federe der Mann in geschlechtsloser Mode auf Gummisohlen daher, gebe sich empathisch im Feinstrickpullover … und stelle sich vielleicht ein paar Fragen.

Wie nun geht der Casual-Chic, wenn wir auf die textile Wertschätzung nicht verzichten wollen?
Wie ein Style, der auf Krawatte verzichtet und doch angezogen ist?
Was macht eine Frau zur Lady, wenn die dunkelblaue Uniform müde geworden ist?

 

Herrenkleidung – Neue Details für den Mann der Moderne

Schon in zwei Jahren werden wir unterscheiden können, welche Garderobenteile vor Corona entstanden sind – und welche danach. Fällt nämlich die Krawatte weg, stellt das viel größere Herausforderungen an das Gewebe und die Kunst der Kombination. „Der Anzug erfordert kein Nachdenken“ … das war gestern. Heute sollen und wollen textile Flächen so beweglich wie der Mensch selbst sein, dürfen mehr Muster aufweisen und werden zunehmend mit individuellen Details ausgestattet wie geschichten-erzählenden Futterstoffen, auffälligen Knöpfen oder andersfarbigen Knopflöchern. Und auch die Weste, in der Stilvorbilder wie der Britische Fußball-Nationaltrainer Gareth Southgate Furore machen, wirkt angezogen und stylish gleichzeitig. Sie macht einen Mann im Hemd im Handumdrehen unwiderstehlich …

Solche Träume lassen sich übrigens in der Maßkonfektion, die im Vergleich zur Stangenware nicht teurer abschneidet – dabei aber viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten bietet – bis zum Glücksgefühl umsetzen.
Und noch etwas: Was einem steht, passt und gefällt, hat eine viel längere Verweildauer im eigenen Kleiderschrank und erfüllt damit alle Anforderungen an nachhaltiges Konsumverhalten.

Der gute alte Zweiteiler ist also nicht obsolet – er wird neu gedacht. Das erlöst uns von der journalistisch aufgemixten Diskussion, ob Anzüge nun sein dürfen oder nicht: Sie werden einfach neu interpretiert, sind lässiger und so bequem, dass Mann darin wohnen möchte.

 

Damenkleidung – Die Passform bestimmt den Stil

Die Frau indes, oder wer sich in Frauenkleider hüllen möchte, darf die farbige Jacke mit meist schwarzer Hose oder das gute Dunkelblaue abstreifen und sich Erbaulicherem zuwenden: Nach einer gefühlten Ewigkeit langwallender Blumenkleider im Straßenbild oder eben jenen Ensembles nämlich ist auch unser Selbstverständnis im textilen Zeitgeist so weit, dass wir auf Linie gehen können.
Die Mode hat in den letzten Jahren den Oversize-Look lanciert. Nur sieht das Unkonfektionierte zwar an den Models in Style-Blogs gut aus, lässt sich aber auf die Lebenspraxis, in der wir wirken wollen, kaum ohne Verluste übertragen: Die meisten sehen darin nämlich aus als trügen sie einen Kartoffelsack. Ist die Dame nicht sehr groß, wird auch schnell ein laufender Meter daraus.

Edel wird es dagegen, wenn die Kleidung der Figur ein Kompliment macht und die Linie der Körpersilhouette sanft nachzeichnet. Dann wird aus Fashion eine Frau – ob im Etuikleid in tollen Farben oder im Blazer mit einer farblich abgestimmten Hose, die vielleicht nicht schwarz sein sollte.

Unser Blick hat sich geändert – und mit ihm unsere Art, Kleidung zu tragen und zu kommunizieren, wofür wir stehen. Das Bild, das wir in den Köpfen der anderen entwerfen, ist wichtig – eröffnet es doch den Dialog zwischen Menschen verschiedener Kulturen, Arten, Altersklassen. Nun rückt beispielsweise eine neue Generation nach, die neue Maßstäbe anlegt:

  • Bodykult und Basis-Fitness – der Körper selbst wird zum Statussymbol, nicht das Auto.
  • Werte wollen nicht nur propagiert, sondern auch gelebt werden.
  • Nachhaltigkeit steht über allen Handlungen.

Diese Themen lenken den Blick weg von materiellen Werten hin zur Gestaltung des eigenen Selbst.

Denn Augen und Seele genießen Schönes – besonders nach zwei Jahren Corona. Mit bewusst gewählter Kleidung treffen wir eine Aussage darüber, welchen Wert wir dem Gegenüber, dem Anlass und uns selbst beimessen. Auch vor der Kamera. Es passt in die Welt neuer Werte.


Katharina Starlay

Katharina Starlay ist ihren Lesern durch die Kolumne „Starlay Express“ bei Manager Magazin Online und ihre Bücher bei Frankfurter Allgemeine BUCH bekannt.
Ihr Debut gab sie 2012 mit „Stilgeheimnisse“.

Durch einige Jahre als Führungskraft im Einzelhandel (Branchen Mode und Kosmetik) verfügt die studierte Modedesignerin über einen einzigartigen Schatz an gelebtem Praxiswissen: Sie ist Beraterin, Trainerin und „Einkleiderin“ für Firmenauftritte und entwickelt für diese Style Manuals.

Seit 2014 ist sie Mitglied im Deutschen Knigge-Rat.

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