Der Pflege danken – Gedanken über eine Tugend und Schokolade

von | 09.04.2022 | Umgangsformen, Werte, Gesellschaft

Nicht erst durch die Covid-19-Pandemie wird uns deutlich, wie viel Pflegende leisten, nicht nur in unserem Land. Und diese Leistung ist nicht kongruent zur Bezahlung, weil körpernahe Dienstleistungen immer noch verpönt scheinen. Pflegende produzieren keine veräußerbaren Güter, sie bewahren: Leben. Sie tragen nichts zum Wirtschaftswachstum bei. Und sie sind, mit dem was sie für Kranke, Beeinträchtigte und Hochbetagte tun –  unbezahlbar.

Foto: Shutterstock

 

Pflegende Berufe und ihre Organisationen darin zu unterstützen, eine bessere, angemessenere Bezahlung zu erlangen ist eine politische Haltung, die mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung dringend notwendig hat. Doch im Folgenden möchte ich gerne ein paar Gedanken mit Ihnen darüber teilen, wie Pflegenden im persönlichen Kontakt angemessen gedankt werden kann.

Anfang 2020 standen viele Menschen abends auf dem Balkon oder am offenen Fenster und klatschten, eine Woge der Anerkennung für medizinisches Personal breitete sich von Norditalien über Europa aus. Diese Ausnahmesituation zeigte deutlich, wie sehr da ein Berufsstand am Limit war. Im direkten zwischenmenschlichen Kontakt, in der direkten persönlichen Bedrohung, selbstlos, unterbezahlt und dennoch immer verlässlich.

Dankbarkeit ist ein Begriff, den die Griechen der klassischen Zeit laut Wörterbuch der Philosophie noch nicht kannten, sie hatte Wörter für Dank und Freundlichkeit, nicht jedoch für die Haltung und Handlung einem Wohltäter gegenüber. Erst in den Hippokratischen Schriften ist davon die Rede, von einer Haltung, einer Tugend, einer Ehrerweisung – es kann also angenommen werden, dass der Begriff der Dankbarkeit aus dem Entstehungskontext von Pflege und Medizin herrührt.

Der Dank kommt am Ende, nicht am Anfang eines Kontakts.

Dankbarkeit ist etwas anderes als ein Kauf – es ist ein Zeichen für etwas, dem kein entsprechender Wert, keine reziproke Handlung entgegengesetzt werden kann. Der Dank kommt am Ende, nicht am Anfang eines Kontakts. In manchen Ländern mit einem anderen Gesundheitssystem als in Deutschland, werde Pflegende und Mediziner:innen direkt bezahlt, oder auch geschmiert und bestochen. Da kann es auch Gepflogenheit sein, das Geld zu Beginn der Behandlung in eine Schokoladentafel zu packen oder mit einer Pralinenpackung zusammen zu übergeben. Hier in Deutschland erwarten Pflegende und Mediziner:innen nichts, weder am Beginn noch am Ende des Kontakts. Ein Dank wird nicht erwartet: „Das ist mein Beruf, dafür werde ich bezahlt“. Diese, so scheint es, selbstlose Haltung ist in hohem Maße Ausdruck von Professionalität, weil die Pflege Aufgaben bewältigt – körpernahe, schambesetzte, ekelhafte, ergreifende, gefährliche –  die andere sich nicht zutrauen.

In Vorbereitung auf diesen Beitrag habe ich Pflegende gefragt:

Welcher Dank ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Welche Dankesform wünschen Sie sich? Wie kommt der Dank bei allen an – beim Reinigungspersonal aus Station beispielsweise?

Hat sich der Dank durch die stark eingeschränkten Besuchsmöglichkeiten bedingt durch die Covid-19-Pandemie verändert?

Am häufigsten berichtet wurde von persönliche Dankesschreiben, die im Team bei der Übergabe vorgelesen werden und im Aufenthaltsraum den Mitarbeitenden aller Schichten zugänglich sind. Dies wird als ein guter Weg der Rückmeldung und der Dankbezeugung anerkannt. Im Gedächtnis geblieben ist einer Pflegenden ein Brief aus dem europäischen Ausland. Von dort waren schwer kranke Covid-Patienten in das städtische Krankenhaus verlegt worden in der Hochzeit der Pandemie. Der Dank, der die Station viele Wochen nach der Behandlung erreichte, war freundlich, herzlich offene – und damit berührend.

Direkte, an eine Person gerichtete Geschenke mit einem Wert von mehr als zehn Euro sind nicht gestattet, dem gesamten Team kann schon etwas gegeben werden. Doch muss es immer die plakative, in Plastik gewickelte Schokolade mit dem berühmten französischen Wort für ‚Danke‘ sein? Es darf auch gerne Obst sein, jahreszeitlich angemessen, oder Plätzchen und anderes Selbstgebackenes. Es sind die persönlichen Zeichen, die den Dank besonders machen. So berichtet eine Gesundheitspflegerin, dass eine Frau dem Stationsteam das Buch Ente, Tod und Tulpe[1] schenkt mit ein paar liebevollen Worten, nachdem ihr Mann dort verstorben war. Eine andere berichtet: Ein Mann aus Kenia hat mir mal zum Dank eine selbstgeschnitzte Dose geschenkt, die steht jetzt seit über 30 Jahren bei mir zuhause im Regal. Schön, wenn es bleibende Erinnerungen gibt, schön sind auch die kleinen Momente, das „danke“ an einem anstrengenden, nicht enden wollenden Tag auf Station.

Wie kann die Dankbarkeit für die Behandlung und Versorgung ausgedrückt werden, wer dankt wie und wem?

Wer dankt?  – es dankt derjenige, der das Bedürfnis danach hat. Das kann der Patient sein, Angehörige, die vor Ort waren, oder auch Angehörige, die die medizinische und pflegerische Versorgung nur aus der Ferne mitbegleitet haben. Dankbarkeit ist eine Haltung und Tugend, kein reziprokes Geschehen. Wie danken? Danken Sie so, wie es Ihnen angenehm ist.

Die Krankenhausverwaltung freut sich über Bewertungen in online-Portalen, gewiss, doch der Gesundheitspfleger, die Krankenschwester, die Reinigungsfachkraft bekommt davon eher wenig mit.

Vor Entlassung können Sie selbst oder die Angehörigen fragen, ob es auf Station eine Kaffeekasse gibt. Einen Währungsrechner gibt es nicht für Dank – eine Woche auf der Orthopädischen = ein Pfund Kaffee – bedenken Sie, dass der Dank von Herzen kommt, und nicht aus dem Geldbeutel. Eine Dankesgabe soll nicht beeindrucken, sondern ausdrücken, was als wichtig und wahrhaftig angesehen wird.

Eine Karte mit persönlichen Worten, die auch einzelne Personen konkret benennen – wissen Sie, wie die freundlich lächelnde Reinigungskraft heißt, die das Krankenzimmer täglich geputzt hat?! – bleibt im Gedächtnis – und macht auch mehr Mühe als der Kauf einer Packung Pralinen. Dankesschreiben sind gerne gesehen und erreichen mehrere Personen in einem Team als ein Anruf. Zur leichteren Erinnerung schreiben Sie deutlich, nennen Sie Namen und Vornamen des Versorgten und den ungefähren Zeitraum des stationären Aufenthaltes, insbesondere, wenn ihr Dank sich erst nach einer Zeit ausformt. Zu spät kann es für einen Dank nicht sein.

Der Pflege danken, auch wenn der Patient verstorben ist oder sich die Behandlung auf anderen Stationen weiter hinzieht, das kommt gut an. Insbesondere durch die rigiden Besuchsregelungen während der Pandemie bekamen Mitarbeitenden auf Intensivstationen weniger Rückmeldung, wie es denn den von ihnen auf andere Stationen oder in andere Häuser verlegten Patienten ergangen ist. Der Kontakt mit den Angehörigen lief meist übers Telefon – hier wäre dann auch der Dank übers Telefon ausgedrückt möglich. Auf Intensivstationen bedanken sich mittlerweile nicht mehr nur die Angehörigen, sondern auch die Patienten selbst, da scheint ein neuer Trend durch die Covid-19-Erkrankungen angeregt zu sein.

Wer dankt, ist in der Lage, das Gute im Leben wahrzunehmen; wer anderen gegenüber die eigene Dankbarkeit ausdrückt, zeigt, dass Beziehungen zu anderen wichtig sind und vertieft werden können; wer dankt und wertschätzt, dem wird auch gerne mit Dank und Wertschätzung begegnet. Danken lohnt sich also auch für das eigene Wohlbefinden. In diesem Sinne: Danke für die Lektüre dieses Blog-Beitrags!

[1] Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe. 2007


Dr. med. Marion Hulverscheidt

Dr. Marion Hulverscheidt ist als Ärztin und Medizinhistorikerin externes Mitglied des klinischen Ethik-Komitees am Klinikum Kassel und Lehrbeauftragte an der Universität Kassel. Sie bringt ihre wissenschaftliche Expertise mit einer reflektierten ethischen Haltung ein.

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