„Das Beste oder nichts“

„Das Beste oder nichts“ – Diesen Leitspruch hat Mercedes-Benz-Gründer Gottlieb Daimler seiner Marke in die Wiege gelegt. Der Anspruch erfasst das Denken der obersten Prozent wie im Brennglas.

Foto: Shutterstock

Der Habitus der Distinktion

Für Fake, Zweitklassiges und Schnäppchen besteht in der „besseren Gesellschaft“ keine Notwendigkeit. Es hätte etwas Geiziges, wenn man sich darauf einlässt. Mit steigendem Wohlstand tritt daher die Frage, ob etwas seinen Zweck erfüllt, immer weiter in den Hintergrund. Stattdessen kann man sich darauf konzentrieren, ob etwas anspruchsvoll und vornehm ist. Das ist der Habitus der Distinktion.

Die ambitionierten Mittelschichten sind im Vergleich zur Oberschicht oft gezwungen, sich anstelle des Besten mit dem Bestmöglichen zu arrangieren. Dank der Demokratisierung der Bildung fehlt der Mittelschicht für das Optimum zwar seltener als früher der Geschmack. Doch es mangelt an den finanziellen und zeitlichen Ressourcen, die kulturellen Vorlieben in vollen Zügen auszuleben. In den obersten Prozent dagegen lässt sich vieles outsourcen, was Zeit kostet, und vieles zukaufen, was das Ansehen hebt. Das bedeutet:

Die feinen Unterschiede zwischen Ganz-gut-situiert und Ganz-oben verschwimmen zwar, aber sie verschwinden nicht.

Je besser Sie allerdings ihre Ausprägungen und die Gründe dahinter verstehen, desto vorteilhafter können Sie zum Sprung nach oben ansetzen. Die wichtigste Regel dabei lautet: Nehmen Sie sich vor der amor fati in Acht, der Liebe zum Schicksal! Uns allen wohnt die Neigung inne, am liebsten das zu mögen, was uns erreichbar ist, während wir Unerreichbares meiden oder sogar ablehnen. Das Denkmuster erhöht die Zufriedenheit. Es hält aber den Habitus klein und bremst den Sprung nach oben aus. Zugegeben: Es ist nicht ganz einfach auszuhalten, wenn das finanzielle Kapital bei weitem nicht an das kulturelle Niveau heranreicht. Andererseits: Muss man sich einen Vintage Print von Elliott Erwitt, ein Ticket für das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker oder Douglasiendielen in Raumlänge wirklich leisten können, um ihren Wert zu würdigen?

Ein aufgeklärter Umgang mit Luxus zeigt sich darin, dass man das Schätzen-Können wichtiger nimmt als das Haben-Können. Es macht Freude, einen Blick für das Schöne und Besondere zu haben, selbst wenn es für einen selbst außer Reichweite bleibt. Ein weiterer Vorteil kommt hinzu: Ein ähnliches Stilempfinden ermöglicht es Hochvermögenden und Nur-gut-Verdienern, aber auch Luxuskonsumenten und deren Dienstleistern, sich ohne Statusdifferenzen zu begegnen. Das heben die Luxusforscher Martina Kühne und David Bosshart ins Bewusstsein: „Die Verkäufer, zumeist selbst Kreative, haben nicht das gleiche Budget, aber ein besseres Stilbewusstsein und einen ebenso nuancierten Geschmack wie die Kundschaft – und das macht die gleiche Augenhöhe aus.“[i]

Für den eigenen Habitus bedeutet das: Aller sozialen Probleme zum Trotz, es zeugt von wenig Stil, Luxus pauschal zu verdammen oder sogar, wie es der französische Schriftsteller Honoré de Balzac ausgedrückt hat, hinter jedem Vermögen ein Verbrechen zu sehen. Schon Formulierungen wie „überflüssiger Luxus“, „Das braucht doch keiner“ oder „Wer kann, der kann“ stellen Schönheit, Aufwand in der Herstellung, architektonische Qualität oder wertvolle Materialien als etwas latent Negatives dar. Kleinlich, weil missgünstig wirkt das Luxus-Bashing obendrein. Viel besser: Wer weiter oben mitspielen möchte, gönnt sich lieber einmal etwas Einzigartiges als zig-mal einen Abklatsch davon.

Einmal 50 Gramm Schokolade von der besten Confiserie der Stadt, einmal Übernachten in einem Anampuri-Hotel, einmal eine ikonische Handtasche, an der noch die Töchter ihre Freude haben werden, einmal ein Coaching bei der Top-Coachin, deren Bücher man alle kennt. Luxusausreißer wie diese bereichern nicht nur das Leben. Wer sie sich zugesteht, weiß auch, wovon die Rede ist, kann sich eine Meinung bilden und probt den Auftritt in Lebensräumen, die normalerweise nicht zum eigenen Alltag gehören. Vor allem aber:

Habituation setzt ein: Die Scheu vor den Gütern und Gewohnheiten der nächsthöheren Schicht schwindet. Wohlstand ist auch ein Gefühl!

Viele Dinge, die von kulturellem Kapital zeugen, kosten übrigens: nichts. „Die schönsten Dinge des Lebens muss man glücklicherweise nicht entbehren, wenn der Kontostand sinkt“, schreibt Alexander von Schönburg,Chef des gräflichen Glauchauer Zweigs des Hauses Schönburg in seinem Buch Die Kunst des stilvollen Verarmens. „Höflichkeit, Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, alles Dinge, die das Leben angenehm machen, lassen sich geradezu ins Unendliche steigern und sind vollkommen unabhängig von materiellen Gegebenheiten.“[ii]

 

Entnommen aus: Doris Märtin. Habitus. Sind Sie bereit für den Sprung nach ganz oben? Campus 2019

In Ihrem neusten Stern Interview verrät Doris Märtin, wie die Elite tickt und wovor sich Aufsteiger hüten sollten.

 

[i]Martina Kühne, David Bosshart. Der nächste Luxus. Was uns in Zukunft lieb und teuer wird. GDI Gottlieb Duttweiler Institute 2014. Seite 7.

[ii]Alexander von Schönburg. Die Kunst des stilvollen Verarmens. Wie man ohne Geld reich wird. Rowohlt 2005. Seite 224


Autorin: Doris Märtin

Dr. phil. Doris Märtin hat Sprach- und Literaturwissenschaften studiert. Als Kommunikationsberaterin unterstützt sie Unternehmen und Organisationen, Zielgruppen emotional intelligent anzusprechen. Als Texterin entwickelt sie Business- und Werbetexte, die die Kauflust schüren und die Marke stärken. 

Doris Märtin ist Autorin von 16 Sachbüchern über Sprache, Erfolgswissen und Lebensstil. Ihre Themen verkörpert sie als Trainerin, Keynote-Speakerin und Mitglied des Deutschen Knigge-Rats. Ihr Know-how über Kommunikation und Auftreten teilt sie auf ihrem Blog sage und schreibe (http://sage-und-schreibe.dorismaertin.com).

www.dorismaertin.de

Kommentare